Fortsetzung

 

"Das kleine Messer habe ich im Alter von 5 Jahren geschmiedet und es im Anschluss unserem gemeinsamen Freund geschenkt. Ein kleines Lagerfeuer und ein Heißuftföhn brachten die nötige Wärme, ein flacher Stein diente als Amboss."


Zur Zeit des besagten Abends studierte ich in Oldenburg und hatte mir bereits eine kleine Schmiedewerkstatt eingerichtet. Mehrmals im Monat fertigte und verkaufte ich Messer, um mir neben dem Studium etwas dazuzuverdienen. Und bis zu jenem Abend bei meinem Eltern, sah meine Zukunft ein Leben als Lehrer für Geschichte und Wirtschaft voraus. Doch meine Eltern hatten von jeher einen gutes Gespür dafür, was in Menschen vorgeht. Und als unser gemeinsamer Freund mir das kleine Messer zeigte, war es mein Vater der sagte: "Naja, einfach wird das nicht. Aber ehrlich gesagt, können wir uns für dich eh nichts anderes vorstellen!" Die Weichen waren schon in meiner Kindheit gestellt doch von da an wusste ich, wohin die Reise gehen würde, wohin die Reise zwangsläufig gehen musste.


"Hier stehe ich und kann nicht anders" Ich bin Messerschmied und daran kann ich nichts ändern.


Ich habe mein Studium in Geschichte und Wirtschaft abgeschlossen, nicht aus ehrlichem Interesse oder Ehrgeiz, sondern weil ich kein Freund davon bin, etwas unvollendet zu lassen. Das gelang mir, nicht zuletzt, durch die Unterstützung meines aufgeschlossenen Geschichtsprofessors, der mich meine Abschlussarbeit im Fach Geschichte über die "Mechanik frühmittelalterlicher Schweißmusterstähle" schreiben ließ. Doch mit dem Herzen (und an drei Tagen in der Woche auch mit den Händen) war ich bereits in der Werkstatt meines späteren Meisters angekommen, bei dem ich im Anschluss an mein Studium eine Ausbildung im Bereich Maschinenbau und Feinmechanik absolvierte, welche ich mit 1,0 abgeschlossen habe.


...Wie alles anfing...

 

Der erste wichtige Schritt auf dem Weg zum Messerschmied hat sich ereignet, als ich 10 Jahre alt war und von meinem Nachbarn einen kleinen 30Kg Amboss zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Er hatte den Amboss auf dem Schrott gefunden und ihn in mühsamer Handarbeit abgerichtet. Man hätte mir damals kein schöneres Geschenk machen können. Noch heute steht der Amboss in meiner Schmiede und wird täglich zum Richten von Klingen benutzt. Jedes Messer, dass meine Werkstatt verlässt, wurde während seiner Fertigung auf diesem Amboss in Form gebracht!

 

Als ich zwölf war, richtete ich mir auf dem Grundstück meiner Eltern eine kleine Schmiede in einem ausgedienten Pferdestall ein. Meine Eltern hatten viele hilfsbereite Freunde und so konnte ich in den folgenden Jahren eine kleine Feldesse, ein Sortiment Hämmer und Zangen, einen Schleifbock, einen Bandschleifer und eine Werkbank mit Schmiedeschraubstock mein Eigen nennen. Später baute ich mir meine erste Gasesse und einen Härteofen.


Eher durch Zufall habe ich entdeckt, dass sich Stähle bei gewissen Temperaturen miteinander verschmieden lassen und dass meine Klingen nach einer bestimmten Temperaturfolge härter und verschleißfester wurden. Erst Jahre später habe ich dann verstanden, welche schmiedetechnischen und metallurgischen Abläufe dafür verantwortlich waren. Als ich im Alter von 22 Jahren zum ersten Mal einen Computer hatte und mich im Internet mit anderen Messermachern austauschte, waren diese überrascht, als ich ihnen Bilder von fehlerfreien Damastklingen zeigte, die ich bereits als Jugendlicher gefertigt hatte, ohne dieses je von jemanden gelernt zu haben. Über die Jahre wuchsen meine Fähigkeiten und Fertigkeiten und durch den Austausch mit erfahrenen Schmieden lernte ich neue Techniken und perfektionierte mein Handwerk. Und nach meiner abgeschlossenen Berufsausbildung, fühlte ich mich bereit, meine Firma zu gründen. Es folgten die drei härtesten Jahre meines Lebens!


...Harte Jahre...


Es war alles gut geplant. Ich hatte leerstehende Gewerberäume gefunden, in denen ich mir meine Schmiede nach meinen eigenen Vorstellungen einrichten konnte. Ein Gründungskredit war bewilligt, Bauantrag vom Landkreis abgesegnet und nach den Renovierungsarbeiten sollte noch genug Kapital für einen ruhigen und überlegten Firmenstart übrigbleiben. Doch es kam anders. Mitten in den Umbau- und Renovierungsarbeiten bekam ich einen Brief vom Gewerbeaufsichtsams. Man mache sich Sorgen wegen des Anwohnerschutzes und deshalb sei nun ein sofortiger Baustopp verordnet, bis ich ein offizielles Gutachten über die prognostizierte Schall- und Schwingungsemission eingereicht hätte. Insgesamt wurde der Umbau für 4 Monate lahmgelegt und alleine das Gutachten hat 10.000 Euro gekostet. Ebenfalls zu dieser Zeit zog ich mir bei einem Unfall eine Verletzung an der Bandscheibe zu, in dessen Folge eine schwere Rücken OP durchgeführt werden musste und zu allem Überfluss, gab es die Trennung von meiner damaligen Lebensgefährtin, was dazu führte, das ich keine Wohnung mehr hatte und mehrere Wochen in meiner Werkstatt wohnen musste.
Da stand ich, mit einer halb fertigen Werkstatt, einem kaputten Rücken, ohne Wohnung, ohne Geld und die monatlichen Kosten drohten mich aufzufressen. Mehr als einmal war ich so verzweifelt, das ich kurz davor stand, alles hinzuschmeißen. Doch ich besann mich auf meine Fähigkeiten, biss die Zähne zusammen, sammelte alle bekannten Adressen von Onlinehändlern für Schmiedeprodukte zusammen und nach zwei Tagen am Telefon hatte ich mehrere Aufträge für sog. White Label Produkte. Ich fertigte hunderte einfacher Messerklingen und Rohlinge ohne Schmiedemarke, verkaufte vorgeschmiedetes Rohmaterial und schliff Rohlinge gegen Lohn in Messerform. Ich lebte von Woche zu Woche, von Monat zu Monat aber ich konnte meine Rechnungen bezahlen und darauf kam es erstmal an. Eine wirkliche Wende kam, als ein alter Kunde aus meiner Zeit als Hobby-Messermacher eine neue, revolutionäre Küchenmesser Kleinserie anregte. Dieser Kunde ist der Profikoch Sebastian Stiegler, der unter Anderem das renomierteste Deutsche Fachforum für Küchenmesser (kochmalscharf.de) gegründet hat. Kochmesser haben mich immer begeistert. Einerseits, weil ich selber ein leidenschaftlicher Hobbykoch bin, andererseites, weil Küchenmesser noch echte Werkzeuge sind, die täglich benutzt werden und nicht in einer Vitrine verstauben. Mit der Entwicklung dieser Kleinserie, deren Produktion ich inzwischen eingestellt habe, begann ein neuer Abschnitt meines Lebens, an dem Sie gerade teilhaben, wenn Sie sich diese Geschichte durchlesen und vielleicht Interesse an einem von mir gefertigten Messer haben.